Whymper Stube
ZurückDie Whymper Stube in der Bahnhofstrasse 80 ist mehr als nur ein Restaurant in Zermatt; sie ist eine Institution, die tief in der alpinen Geschichte des Ortes verwurzelt ist. Benannt nach Edward Whymper, dem legendären Erstbesteiger des Matterhorns, der einst im zugehörigen Hotel Monte Rosa logierte, versprach dieses Lokal seit jeher ein authentisches Erlebnis. Für langjährige Kenner und neue Besucher stellt sich aktuell eine spannende Frage: Nach dem wohlverdienten Ruhestand der langjährigen Pächter Ueli und Barbara Liechti Lauber hat die renommierte Gruppe Michel Reybier Hospitality die Leitung übernommen. Während das Versprechen lautet, Team und das kulinarische Konzept beizubehalten, wirft dieser Wechsel ein Licht auf die delikate Balance zwischen der Bewahrung von Tradition und den Anforderungen moderner Gastronomie.
Das Ambiente: Rustikaler Charme mit Geschichte
Beim Betreten der Whymper Stube fühlte man sich unmittelbar in eine andere Zeit versetzt. Das Interieur ist der Inbegriff einer gemütlichen, alpinen Hütte, die über Jahrzehnte Charakter angesammelt hat. Die Wände sind mit dunklem, altem Holz getäfelt, das von unzähligen Abenden und Geschichten zeugt. Historische Fotografien von Whymper und seiner Seilschaft schmücken die Wände und verleihen dem Raum eine spürbare historische Tiefe. Der Boden aus Stein, das warme Licht von Kerzen und die traditionellen Karomuster der Textilien vervollständigen ein Bild von urchiger Gemütlichkeit. Mit nur etwa 48 Sitzplätzen im Inneren ist der Raum überschaubar und, wie viele Besucher anmerkten, durchaus "eng". Die Tische stehen dicht beieinander, was jedoch weniger als Manko, sondern vielmehr als Teil des Konzepts empfunden wird. Es fördert eine kommunikative, fast familiäre Atmosphäre, in der man unweigerlich mit den Nachbartischen ins Gespräch kommt und das lebhafte Treiben des Servicepersonals aus nächster Nähe miterlebt.
Die Speisekarte: Ein Fokus auf Schweizer Klassiker
Das kulinarische Herzstück der Whymper Stube ist unbestreitbar die klassische Schweizer Küche, insbesondere die berühmten Käsegerichte, die in den Bergen eine lange Tradition haben. Wer hierher kommt, sucht gezielt nach Fondue und Raclette, und die Erwartungen werden in der Regel nicht enttäuscht. Die Speisekarte konzentriert sich auf bewährte, traditionelle Gerichte und vermeidet bewusst kurzlebige Trends.
Das Fondue-Erlebnis: Zwischen höchstem Lob und vereinzelter Kritik
Das Käse-Fondue wird in verschiedenen Variationen angeboten und oft als eines der besten in Zermatt beschrieben. Besonders positiv wurde in der Vergangenheit hervorgehoben, dass man ein Fondue nach "Hausart" mit Birnen und Kartoffeln auch für eine einzelne Person bestellen kann – eine seltene und geschätzte Flexibilität in der Fondue-Kultur. Der Käse wird als herrlich würzig und hausgemacht beschrieben, eine Qualität, die Kenner zu schätzen wissen.
Ein differenzierteres Bild zeichnet sich jedoch beim Fondue Chinoise. Einerseits gibt es enthusiastische Berichte über die herausragende Fleischqualität. Insbesondere die klassische Variante mit dick geschnittenen Scheiben oder die "Whymper"-Version mit erstklassigen Rindfleischwürfeln werden gelobt. Diese Qualität hebt sich deutlich von dünnen Supermarkt-Scheiben ab und rechtfertigt für viele den Preis. Andererseits stehen dem auch kritische Stimmen gegenüber, die das Preis-Leistungs-Verhältnis bemängeln. Ein Gast berichtete von einer als zu klein empfundenen Portion von sieben Scheiben Fleisch, die lieblos angerichtet gewesen sei, obwohl auf der Karte 180 Gramm pro Person ausgewiesen waren. Ein weiterer, sehr detaillierter Kritikpunkt, der die Komplexität des Erlebnisses unterstreicht, betrifft die Beilagen. Während das Fleisch (Filet) von edelster Qualität sei, würden dazu Maiskolben, Spargeln und Cornichons aus der Konserve sowie geschmacksarme Tomaten und Melonen im Winter serviert. Diese Diskrepanz zwischen dem hochwertigen Hauptprodukt und den einfachen, nicht saisonalen Beilagen wird als schade empfunden, da sie die Gesamtqualität des Gerichts schmälert – auch wenn dies bei diesem traditionellen Gericht oft üblich ist.
Weitere Spezialitäten für ein gelungenes Abendessen
Neben dem Fondue ist das Restaurant auch für sein exzellentes Raclette bekannt, bei dem der geschmolzene Käse direkt auf den Teller geschabt wird. Für Gäste, die eine komplette Mahlzeit bevorzugen, wurde das "Menu Matterhorn" wärmstens empfohlen, das einen guten Querschnitt durch die Küchenleistung bietet. Eine kleine, aber feine Warnung aus den Erfahrungen der Gäste gilt dem Aprikosen-Dessert: Es wird als köstlich, aber hochprozentig beschrieben – ein Dessert, das es "in sich hat".
Service und Preisgestaltung im touristischen Umfeld
Ein Punkt, in dem sich fast alle Bewertungen einig sind, ist die herausragende Qualität des Services. Das Personal wird durchweg als sehr aufmerksam, persönlich, unkompliziert und freundlich beschrieben. Selbst der Restaurantleiter sei mit vollem Einsatz bei der Sache, was eine Atmosphäre schafft, in der sich Gäste rundum wohl und wertgeschätzt fühlen. Diese hohe Servicequalität war zweifellos ein Eckpfeiler des Erfolgs der Whymper Stube unter der alten Führung. Die grosse Herausforderung für das neue Management wird sein, dieses hohe Niveau an persönlicher Gastfreundschaft beizubehalten.
Preislich bewegt sich die Whymper Stube im für Zermatt typischen, gehobenen Rahmen. Die meisten Besucher empfanden die Preise jedoch als fair und der gebotenen Qualität angemessen. Ein Fondue für 27 CHF pro Person wurde als nicht übertrieben wahrgenommen. Die bereits erwähnte Kritik am Wert des Fondue Chinoise zeigt jedoch, dass die Wahrnehmung des Preis-Leistungs-Verhältnisses je nach Gericht und Erwartungshaltung variieren kann.
Ein neues Kapitel für eine Zermatter Legende
Die Übernahme durch Michel Reybier Hospitality markiert den Beginn einer neuen Ära. Die Zusicherung, das bewährte Team und die traditionelle Speisekarte zu erhalten, ist ein positives Signal an die Stammgäste und Traditionalisten. Es bleibt die spannende Beobachtung, ob es der neuen Führung gelingt, den einzigartigen, fast schon intimen Charme und die persönliche Note, die die Whymper Stube über Jahre auszeichnete, zu bewahren. Das Lokal bleibt eine erstklassige Adresse für ein authentisches Mittagessen oder Abendessen mit Fokus auf die Klassiker der Schweizer Küche. Es ist ein Ort, der von seiner Geschichte und seiner gemütlichen Enge lebt – ein wertvolles Erbe, das es mit Feingefühl in die Zukunft zu führen gilt.