Hôtel de Ville de Bex
ZurückNach einer Phase der Unsicherheit hat das Hôtel de Ville de Bex seine Türen wieder geöffnet und präsentiert sich unter einer neuen Führung, die bei den Einheimischen sowohl für Freude als auch für Diskussionen sorgt. An der Spitze des traditionsreichen Hauses steht nun die Familie Fareri, die dem Betrieb eine frische, bistronomische Identität mit einer klaren italo-schweizerischen Handschrift verleiht. Diese Neuausrichtung wird von einem erfahrenen Vater-Sohn-Gespann getragen: Giuseppe Fareri, ein Gastronom mit 30 Jahren Erfahrung, kümmert sich um den Service und das Wohl der Gäste, während sein Sohn Santo in der Küche die kulinarischen Fäden zieht. Diese Konstellation verspricht eine Mischung aus bewährter Gastfreundschaft und kreativer Kulinarik, doch die ersten Monate nach der Wiedereröffnung zeichnen ein Bild voller vielversprechender Ansätze, aber auch erkennbarer Herausforderungen.
Die kulinarische Vision: Bistronomie zwischen Alpen und Apennin
Das Herzstück des neuen Hôtel de Ville ist zweifellos sein kulinarisches Konzept. Der Begriff "bistronomische Küche", den die neuen Betreiber für sich beanspruchen, beschreibt eine Bewegung, die hochwertige, oft regional und saisonal inspirierte Gerichte in einem entspannten und zugänglichen Ambiente anbietet – weg von der Steifheit der Haute Cuisine, aber mit demselben Anspruch an Qualität und Kreativität. Genau diesen Spagat scheint die Speisekarte zu meistern. Sie wird von Gästen als "einfach, aber frisch" beschrieben, was auf einen Fokus auf hochwertige Grundprodukte und eine nicht überladene Auswahl hindeutet.
Ein Blick auf die wechselnden Tagesmenüs bestätigt eindrucksvoll die italo-schweizerische Seele des Restaurants. An einem Tag findet sich eine hausgemachte Lasagne neben einem Duo von Bruschetta, was die italienischen Wurzeln der Familie Fareri ehrt. An einem anderen Tag wird mit dem "Traditionnel Papet Vaudois" ein Klassiker der Region zelebriert, eine Hommage an die Waadtländer traditionelle Schweizer Küche. Diese Mischung setzt sich fort mit Gerichten wie Filets de perche (Eglifilets) nach Müllerinart mit Sauce Tartare oder einem raffinierten Velouté von Champignons mit gebratenen Froschschenkeln. Diese Beispiele zeigen, dass die Küche keine Angst vor dem Crossover hat und sowohl Liebhaber der deftigen regionalen Kost als auch Freunde der mediterranen Aromen anspricht. Saisonalität wird ebenfalls grossgeschrieben, wie die Ankündigung der "Chasse" (Wildsaison) auf der Webseite des Restaurants beweist, ein klares Bekenntnis zur Verwendung von Produkten, wenn sie am besten sind.
Ein familiäres Fundament
Die Dynamik zwischen Vater Giuseppe im Saal und Sohn Santo in der Küche ist mehr als nur eine organisatorische Aufteilung; sie ist das Fundament der neuen Identität. Ein Gast spürte eine "motivierte Mannschaft, die vieles vor hat", was auf die Leidenschaft und den Ehrgeiz hindeutet, die die Familie in dieses Projekt investiert. Die Geschichte, dass der Sohn nun als Küchenchef an den Ort zurückkehrt, an dem er einst seine Ausbildung absolvierte, verleiht dem Ganzen eine persönliche und authentische Note. Es suggeriert einen tiefen Respekt für das Haus und den Wunsch, eine nachhaltige Erfolgsgeschichte zu schreiben. Diese persönliche Bindung kann ein entscheidender Faktor für eine herzliche und einladende Atmosphäre sein, die von einigen Gästen bereits als "freundlich" beschrieben wird.
Der Service: Zwischen Exzellenz und Anlaufschwierigkeiten
Während die Küche überwiegend auf positive Resonanz stösst, zeigt sich beim Service ein deutlich gespalteneres Bild. Hier prallen die Erfahrungen der Gäste frontal aufeinander und malen das Porträt eines Betriebs, der seinen Rhythmus noch finden muss. Dies ist der kritischste Punkt, den potenzielle Besucher für ihr Essen gehen in Betracht ziehen sollten. Auf der einen Seite des Spektrums stehen Berichte über einen "hervorragenden Service" und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, die von einem rundum gelungenen Erlebnis zeugen. Diese Gäste fühlten sich gut aufgehoben und lobten die Professionalität des Teams.
Auf der anderen Seite steht eine äusserst kritische Restaurantbewertung, die von einem "objektiv katastrophalen Service" spricht. In dieser Schilderung ist von endlosen Wartezeiten, einer "sehr wackeligen Organisation" und einem Gefühl von "eklatantem Dilettantismus" die Rede. Die Erfahrung war so frustrierend, dass fast zwei Stunden für ein einfaches Berner Rösti und einen Kaffee benötigt wurden und andere Gäste das Lokal vorzeitig verliessen. Solche massiven Diskrepanzen sind für ein neu eröffnetes Restaurant nicht gänzlich ungewöhnlich. Sie deuten oft auf typische "Kinderkrankheiten" hin: ein neues Team, das sich erst einspielen muss, Prozesse, die noch nicht reibungslos funktionieren, oder eine unerwartet hohe Auslastung an bestimmten Tagen. Für den Gast ist dies jedoch wenig tröstlich. Es bedeutet, dass ein Besuch im Hôtel de Ville de Bex derzeit eine Art Lotterie sein kann: Man kann einen wunderbaren Abend mit exzellentem Service erleben oder in einer Situation landen, die Geduld und Nerven stark strapaziert. Diese Unbeständigkeit ist der grösste Schwachpunkt des ansonsten vielversprechenden Konzepts.
Praktische Informationen für Ihren Besuch
Das Hôtel de Ville de Bex befindet sich in der Rue Centrale 8 und ist dank eines rollstuhlgängigen Eingangs barrierefrei zugänglich. Das Preisniveau wird als moderat (Stufe 2 von 4) eingestuft, was in Kombination mit der gebotenen Qualität von zufriedenen Gästen als gutes Preis-Leistungs-Verhältnis empfunden wird. Das Lokal konzentriert sich auf das Erlebnis vor Ort; Dienstleistungen wie Lieferservice oder Take-out werden nicht angeboten. Für Vegetarier gibt es entsprechende Optionen auf dem Restaurant Menü.
Die Öffnungszeiten sind für die Planung eines Besuchs wichtig: Das Restaurant ist sonntags und montags geschlossen. Von Dienstag bis Samstag ist es sowohl für das Mittagessen (10:00–15:00 Uhr) als auch für das Abendessen (ab 17:00 Uhr) geöffnet, wobei freitags und samstags bis 23:30 Uhr geöffnet ist. Für wärmere Tage lockt eine schattige Terrasse hinter dem Gebäude, die eine angenehme Alternative zum Innenraum darstellt.
Fazit: Ein Ort mit grossem Potenzial
Das Hôtel de Ville de Bex ist ein Paradebeispiel für ein gutes Restaurant mit einer klaren Vision, dessen Umsetzung jedoch noch nicht in allen Bereichen perfektioniert ist. Die Küche unter Santo Fareri überzeugt mit einem spannenden italo-schweizerischen Bistronomie-Konzept, das auf Frische, Saisonalität und handwerkliche Qualität setzt. Die familiäre Führung durch Vater und Sohn verleiht dem Haus eine persönliche und sympathische Note. Demgegenüber stehen die dokumentierten, gravierenden Schwankungen in der Servicequalität, die für Gäste ein nicht zu unterschätzendes Risiko darstellen. Wer bereit ist, dieses Risiko einzugehen, könnte mit einem hervorragenden kulinarischen Erlebnis belohnt werden. Wer jedoch einen garantiert reibungslosen Ablauf erwartet, sollte vielleicht noch etwas abwarten, bis das Team seine anfänglichen Schwierigkeiten überwunden hat. Das Potenzial für einen festen Platz in der regionalen Gastronomieszene ist unbestreitbar vorhanden.