Frieden
ZurückAn der Wehntalerstrasse 444 in Zürich Affoltern befand sich über Jahrzehnte eine gastronomische Institution, die für viele mehr war als nur ein Ort zum Essen und Trinken: das Restaurant Frieden. Obwohl der Betrieb unter seiner langjährigen Führung seit Juli 2024 als dauerhaft geschlossen gilt, ist die Geschichte dieses Hauses noch lange nicht zu Ende geschrieben. Es war ein Ort, der die Essenz einer echten Zürcher Beiz verkörperte – bodenständig, herzlich und tief im Quartier verwurzelt.
Das Frieden war über 25 Jahre lang das Lebenswerk des Wirtepaars Heinz Kolb, von Stammgästen oft liebevoll "Fätze" genannt, und Claudia Alter. Beide sind im Quartier aufgewachsen und führten das Lokal mit einer Leidenschaft, die in jedem Detail spürbar war. Gäste beschrieben die Atmosphäre als urchig und gemütlich, ein Ort, an dem man sich sofort willkommen fühlte. Es war ein klassischer Quartiertreffpunkt, an dem sich Anwohner, Handwerker und sogar Spieler und Fans der lokalen Sportgrössen FCZ und ZSC trafen. Das Interieur war traditionell und heimelig, während der lauschige Biergarten auf der von der Strasse abgewandten Seite besonders an warmen Tagen eine Oase der Ruhe bot.
Ein kulinarischer Ankerpunkt der Schweizer Küche
Im Zentrum des Erlebnisses stand eine ehrliche und qualitativ hochstehende Schweizer Küche. Das Restaurant Frieden war stolzes Mitglied der "Gilde etablierter Schweizer Gastronomen", ein klares Bekenntnis zu Qualität und Handwerk. Die Speisekarte war bewusst kompakt gehalten, konzentrierte sich aber auf Klassiker der gutbürgerlichen Küche, die mit grosser Sorgfalt zubereitet wurden. Die Portionen galten als grosszügig und das Essen als mit viel Liebe gemacht, was von den Gästen durchweg gelobt wurde.
Ein Gericht ragte dabei besonders heraus und wurde von vielen als eines der besten der ganzen Stadt bezeichnet: das Cordon Bleu. Es galt als Delikatesse, perfekt gewürzt und zubereitet. Aber auch andere Spezialitäten wie die "Rösti Frieden" überzeugten durch ihre knusprige Perfektion. Für das Mittagessen bot das Lokal zudem geschätzte Mittagsmenüs an, die ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis boten. Abgerundet wurde das Angebot durch eine überraschend gute Weinauswahl, bei der man flexibel zwischen verschiedenen Mengen (1, 2 oder 5 Deziliter) wählen konnte – ein Detail, das von Kennern sehr geschätzt wurde.
Der Wermutstropfen in der Fritteuse
Bei all dem Lob für die frischen Produkte und die handwerkliche Zubereitung gab es jedoch einen wiederkehrenden Kritikpunkt, der das ansonsten stimmige Bild leicht trübte. Mehrere Gäste merkten an, dass die Pommes Frites aus Tiefkühlware bestanden. Dies wurde als enttäuschend empfunden, insbesondere im Kontrast zur hohen Qualität der Hauptgerichte. Es war ein kleiner Makel in einem ansonsten hochgelobten kulinarischen Konzept, der aber zeigt, wie hoch die Erwartungen der Gäste an ein solches Traditionslokal waren.
Das Ende einer Ära und ein spektakulärer Neuanfang
Die Nachricht von der Schliessung im Sommer 2024 traf das Quartier hart. Der Grund war nicht etwa mangelnder Erfolg, sondern ein städtisches Grossprojekt: Der geplante Bau der neuen Tramlinie Affoltern erfordert eine Verbreiterung der Wehntalerstrasse, und das historische Gebäude aus dem Jahr 1892 stand genau im Weg. Der Abriss schien besiegelt, doch der Widerstand aus der Bevölkerung war gross. Eine Petition forderte den Erhalt des Hauses, das als "Herzstück des Quartiers" bezeichnet wurde.
Und die Bemühungen hatten Erfolg. Es wurde eine für Zürich einzigartige Lösung gefunden: Der Bauingenieur und Investor Urs Räbsamen, bekannt für die Rettung historischer Gaststätten, wird das Gebäude im Baurecht übernehmen. Sein Plan ist so ambitioniert wie spektakulär: Das gesamte Haus soll auf seine Kosten um mehrere Meter nach Norden verschoben, saniert und anschliessend als Quartierrestaurant weitergeführt werden. Dieses Projekt sichert nicht nur den Fortbestand eines wichtigen sozialen Treffpunkts, sondern bewahrt auch ein Stück Zürcher Geschichte vor der Zerstörung.
Ein Blick in die Zukunft
Für Gäste, die heute nach dem Restaurant suchen, bedeutet dies eine Übergangsphase. Die langjährigen Pächter haben das Lokal verlassen, und während die komplexe Verschiebung des Gebäudes geplant wird, die frühestens Mitte 2026 stattfinden soll, sind Zwischennutzungen angedacht. Auch wenn die unmittelbare Zukunft des Betriebs noch unsicher ist, steht fest: Der "Frieden" wird in Affoltern bleiben. Er ist ein starkes Symbol dafür, was möglich ist, wenn sich Private und die Stadt gemeinsam für den Erhalt des Charakters eines Quartiers einsetzen. Für alle, die gerne gut essen gehen und authentische Lokale schätzen, bleibt die Hoffnung, bald in den neuen, alten Mauern des verschobenen Restaurants Frieden wieder einkehren zu können.