f39
ZurückDas f39 war einst eine jener Adressen in Zürichs Seefeld-Quartier, die man sich unter Kennern zuflüsterte. Weit entfernt vom Trubel der Innenstadt, an der Fröhlichstrasse 39, befand sich ein kleines Lokal, das von aussen unscheinbar wirkte, im Inneren jedoch ein bemerkenswertes kulinarisches Konzept verfolgte. Wer heute jedoch dorthin pilgert, wird vor verschlossenen Türen stehen – zumindest was das f39 betrifft. Das Restaurant ist dauerhaft geschlossen, und die Räumlichkeiten beherbergen inzwischen ein neues japanisches Lokal namens Mura. Dennoch lohnt sich ein Blick zurück auf das, was das f39 zu einem so besonderen Ort für ein Gourmet-Erlebnis machte und welche Aspekte sowohl für Begeisterung als auch für leise Kritik sorgten.
Das Konzept: Ein Wohnzimmer für Feinschmecker
Das Herzstück des f39 waren seine beiden Betreiber, Benjamin Forrer und Philipp Graber. Sie waren nicht nur die Köche, sondern gleichzeitig auch die Gastgeber. Diese Personalunion schuf eine aussergewöhnlich intime und persönliche Atmosphäre, die in der Zürcher Gastronomieszene selten zu finden ist. Gäste wurden nicht von Servicepersonal bedient, sondern direkt von den Schöpfern der Gerichte, die ihre Kreationen mit Leidenschaft und Detailwissen erläuterten. Der Gastraum selbst verstärkte diesen Eindruck: Mit nur etwa 16 Sitzplätzen glich er eher einem gemütlichen Wohnzimmer oder einer privaten Bibliothek als einem klassischen Restaurant. Wandhohe Regale, gefüllt mit einer beeindruckenden Sammlung an Kochbüchern und Weinflaschen, prägten das Bild und signalisierten unmissverständlich: Hier dreht sich alles um die Liebe zum Essen und Trinken.
Die kulinarische Ausrichtung: Regionalität mit japanischer Finesse
Die Küche des f39 basierte auf einem klaren Bekenntnis zur regionalen Küche. Die Produkte stammten fast ausnahmslos von lokalen Produzenten und waren von biodynamischer Qualität. Dieser nachhaltige Gedanke wurde auf eine moderne und kreative Weise umgesetzt. Die Grundlage bildete die klassisch-französische Kochkunst, die jedoch durch Techniken und Zutaten aus der japanischen Küche an Leichtigkeit und Tiefe gewann. Es gab keine À-la-carte-Auswahl, stattdessen konzentrierte man sich voll und ganz auf ein Degustationsmenü. Gäste konnten zwischen drei, fünf, sieben oder neun Gängen wählen, wobei das neungängige Menü mit 130 CHF für das Gebotene als ausserordentlich preiswert galt – ein Punkt, der von vielen Besuchern positiv hervorgehoben wurde.
Die Gerichte zeugten von grosser Kreativität und handwerklichem Können. Kreationen wie ein Stängelkohl-Tempura mit Shiso-Mayonnaise, dessen Kräuter direkt aus dem Hochbeet vor dem Restaurant stammten, oder ein wachsweich gegartes Onsen-Eigelb in einem Kartoffel-Miso-Espuma waren Beispiele für die gelungene Verbindung von lokalen Zutaten und asiatischen Einflüssen. Auch mutige Kombinationen wie eine Sellerie-Glace oder ein Fenchelsorbet mit Schokolade zum Dessert blieben den Gästen im Gedächtnis und machten den Besuch zu einer Entdeckungsreise für den Gaumen.
Stärken und Schwächen: Eine ehrliche Betrachtung
Die positiven Aspekte des f39 sind unübersehbar und wurden von Gästen wie auch von Kritikern, einschliesslich des Guide MICHELIN, gewürdigt. Die grösste Stärke war zweifellos das Gesamtpaket aus persönlichem Service durch die Köche, der intimen Wohnzimmer-Atmosphäre und einer hochinnovativen, produktfokussierten Küche zu einem für Fine Dining in Zürich sehr fairen Preis. Es war ein Geheimtipp-Restaurant im besten Sinne: unprätentiös, leidenschaftlich geführt und auf das Wesentliche konzentriert – den Genuss.
- Persönliche Note: Der direkte Kontakt zu den Köchen Forrer und Graber war ein Alleinstellungsmerkmal. Ihre Erklärungen zu jedem Gang vermittelten ein tiefes Verständnis für die Produkte und die Philosophie des Hauses.
- Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis: Ein neungängiges Menü auf diesem Niveau für 130 CHF war eine Seltenheit und machte gehobene Gastronomie zugänglicher.
- Kreativität und Produktqualität: Die konsequente Verwendung regionaler und biodynamischer Produkte, kombiniert mit kreativer Zubereitung, führte zu einzigartigen Geschmackserlebnissen.
Doch wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten, wenn auch nur feine. Eine objektive Analyse muss auch die Punkte berücksichtigen, die nicht bei allen Gästen auf uneingeschränkte Zustimmung stiessen. Einige Kritiker merkten an, dass die Ambition der Köche gelegentlich zu überladenen Gerichten führen konnte. Ein erfahrener Gourmet beschrieb beispielsweise, dass manche Teller zu viele Ideen vereinten und dadurch an Fokus verloren. Ein Gang mit Felchen wurde als nicht ganz harmonisch empfunden, da die einzelnen Komponenten geschmacklich unverbunden wirkten. Auch eine kleine Service-Panne, bei der eine wichtige Sauce nicht erklärt wurde, trübte das sonst perfekte Erlebnis minimal. Selbst GaultMillau merkte bei einem Wildgericht an, dass der kräftige Sud die feinen Aromen des Fleisches eher überdeckte als unterstützte. Diese Kritikpunkte sind jedoch als Feinheiten auf sehr hohem Niveau zu verstehen und schmälern den Gesamteindruck nur geringfügig. Ein weiterer, kleiner Kritikpunkt war der Preis für offene Weine, der von manchen als eher hoch empfunden wurde, obwohl es sich dabei um sorgfältig ausgewählte Bio- und Naturweine handelte.
Ein abgeschlossenes Kapitel der Zürcher Gastronomie
Letztendlich ist die grösste Schwäche des f39 aus heutiger Sicht seine Nichtexistenz. Die permanente Schliessung des von vielen geschätzten Lokals ist ein Verlust für alle, die das Besondere beim Essen gehen in Zürich suchen. Das f39 war ein Musterbeispiel dafür, wie mit Leidenschaft, einer klaren Vision und dem Mut zur Reduktion ein einzigartiges gastronomisches Erlebnis geschaffen werden kann. Es bewies, dass ein kleines, von den Köchen selbst geführtes Restaurant eine enorme Anziehungskraft entwickeln kann. Für ehemalige Gäste bleibt die Erinnerung an viele aussergewöhnliche Abende. Für alle anderen dient diese Beschreibung als Einblick in ein bemerkenswertes Kapitel der Zürcher Restaurantgeschichte, dessen Geist hoffentlich an anderer Stelle weiterlebt. An der Fröhlichstrasse 39 hat nun eine neue Ära begonnen.